„In der Radiologie ist ein Versorgungsengpass absehbar!“

Claudia Rössing, Präsidentin der Fachrichtung Radiologie/Funktionsdiagnostik beim DVTA

Der Dachverband für Technologen/-innen und Analytiker/-innen in der Medizin Deutschland e.V. (DVTA) rechnet damit, dass es in der radiologischen Diagnostik und Therapie zu einem Versorgungsengpass kommt. Grund sei der bereits bestehende Personalmangel im MTRA-Beruf. Der Mangel werde weiter ansteigen, so Claudia Rössing, Präsidentin der Fachrichtung Radiologie/Funktionsdiagnostik beim DVTA. Im Interview mit Ursula Katthöfer ( www.textwiese.com ) fordert sie vor allem eine bessere Ausbildung von MTRA.

Beginnen wir mit den Zahlen. Wie stark fehlen Fachkräfte?

Wir stellen bei Messen und Kongressen seit langem fest, dass der Bedarf an MTRA sehr hoch ist. Dem „Krankenhausbarometer 2016“ zufolge konnte ein Drittel der Allgemeinkrankenhäuser ab 100 Betten im Frühjahr 2016 offene MTA-Stellen nicht mehr besetzen. 46 Prozent der Krankenhäuser haben Stellenbesetzungsprobleme bei den MTRA. Hochgerechnet auf die Grundgesamtheit der Krankenhäuser sind aktuell 1.170 Vollkraft-Stellen für MTA unbesetzt, davon 840 für MTRA.

Beschäftigen denn noch alle Krankenhäuser MTRA?

Die Anzahl der Krankenhäuser, welche MTA vorhalten, ist in den letzten 10 Jahren stark rückläufig. Bei MTRA ging die Zahl der Krankenhäuser von 2008 bis 2017 um rund 200 zurück.

Wie ist die Altersstruktur der MTRA?

Einem aktuellen Gutachten des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) zufolge, ist etwa die Hälfte der im Krankenhaus beschäftigten MTA mindestens 45 Jahre alt. Rund ein Viertel ist 55 Jahre alt oder älter. Ihr Ruhestand ist absehbar. Außerdem hat die Anzahl der Absolventen aus MTRA-Schulen in den vergangenen drei Jahren abgenommen. Diese Fakten deuten auf einen weiteren Anstieg des bereits bestehenden Personalmangels hin, wenn nicht zeitnah gehandelt wird. Ein Versorgungsengpass durch einen Fachkräfteengpass mit MTRA hat Einbußen bei der Leistungsqualität und der Patientensicherheit zur Folge. Das ist nicht hinnehmbar.

Könnte die Digitalisierung den Mangel abfangen?

Künstliche Intelligenz (KI) oder digitale Systeme können MTRA dabei unterstützen, ihre Tätigkeiten auszuüben. Ersetzen können sie MTRA nicht. Das gilt auch für andere Gesundheitsberufe.

Profitieren MTRA angesichts der Vollbeschäftigung vom Fachkräftemangel, z. B. durch höhere Löhne?

Finanzielle Anreize zur Mitarbeiterakquise und Mitarbeiterbindung kommen bei MTA selten vor. Auch außer- oder übertarifliche Zahlungen gehören nur in 13 Prozent der Krankenhäuser zum Standard.

Wie hoch ist die Fluktuation?

Die Ergebnisse des DKI-Gutachtens zeigen, dass im Jahr 2017 59 Prozent der berufstätigen MTRA in den Krankenhäusern ihre Tätigkeit aufgegeben haben. Bezogen auf die Gesamtzahl der MTA in den betroffenen Häusern entspricht dies einer Fluktuationsquote von 10 Prozent bei den MTRA. Hauptgründe für das Ausscheiden sind der Renteneintritt, eine temporäre Berufsaufgabe und der Wechsel in ein anderes Krankenhaus.

Die aktuelle Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für MTA-Berufe (MTA-AprV) ist aus dem Jahr 1994, also 25 Jahre alt. Ein Dinosaurier?

Ja, das kann man so sagen. Die rasant fortschreitende technische Entwicklung und die Zunahme digitaler Anwendungen sowie neue Erkenntnisse der Bildungswissenschaft sind in der MTA-AprV nicht abgebildet. Die fachschulische MTA-Ausbildung steht im Spagat zwischen neu zu erwerbenden Kompetenzen bei Diagnostik und Technik auf der einen Seite und den veralteten Ausbildungsinhalten auf der anderen Seite. Es ist eine Herausforderung für die MTA-Schulen, sowohl den gesetzlich geregelten Vorgaben der MTA-AprV als auch der notwendigen aktuellen Wissens- und Kompetenzvermittlung gerecht zu werden. Hier muss dringend Abhilfe geschaffen werden.

Wie stehen Sie zur Ausbildungsvergütung?

Die Einführung einer Ausbildungsvergütung war ebenfalls eine Forderung des DVTA. Diese gilt aktuell nur für Schulen, die einem Träger mit geltendem Tarifvertrag angehören. Eine einheitliche Zahlung einer Ausbildungsvergütung an allen Schulen ist daher anzustreben.

Welche Forderungen hat der DVTA an die Politik?

Wir verfolgen seit Jahren das Ziel der Novellierung des MTA-Gesetzes und der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für MTA. Zu diesem Zweck sind bereits mehrfach Forderungen an die Politik gestellt worden, leider bis zum heutigen Tag ohne Reaktion. Aktuell sind positive Tendenzen erkennbar, wie z. B. die Bildung einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe, die Eckpunkte der Ausbildung der Gesundheitsberufe erarbeitet. In diesem Zusammenhang hat das Bundeministerium für Gesundheit (BMG) einen Fragebogen zum Novellierungsbedarf der MTA-Berufe an die Fachgesellschaften und Berufsverbände verschickt. Das BMG arbeitet an einem Gesamtkonzept, um die Ausbildung der Gesundheitsfachberufe neu zu ordnen und zu stärken. Als Dachverband haben wir erneut umfangreich zu allen vier MTA-Berufen und dem dringenden Novellierungsbedarf Stellung genommen. Außerdem ist eine gemeinsame Stellungnahme für die Radiologie mit anderen Fachgesellschaften an das BMG übersandt worden.

Was fordern Sie konkret?

Der DVTA fordert von der Politik ein modernes, kompetenzorientiertes und durchlässiges MTA–Ausbildungssystem. Es muss den zukünftigen Anforderungen an die sich wandelnden Versorgungsstrukturen, die digitale Transformation und den zukünftigen Bedarfen an Analytik, Funktionsdiagnostik und bildgebenden Verfahren gerecht werden. Gleichzeitig soll die notwendige Basis für die im Sinne des lebenslangen Lernens erforderlichen Fort- und Weiterbildungsprozesse abgebildet werden. Zudem ist wichtig, dass hochschulische Ausbildungsmöglichkeiten hinzukommen. Unsere europäischen Nachbarn zeigen bereits, dass dies geht. Es müssen Karrieremöglichkeiten geschaffen und die Attraktivität der MTA-Berufe verbessert werden.

Vielen Dank für das Gespräch!