Erste Bilanz des neuen Studiengangs Medizinische Radiologietechnologie: Qualifikation für anspruchsvolle Aufgaben

Im Jahr 2014 startete der erste Bachelorstudiengang Medizinische Radiologietechnologie in Deutschland am Haus der Technik (HdT) in Essen. Das berufsbegleitende Studium wird in Kooperation mit der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen, Bocholt, Recklinghausen angeboten. In acht Semestern werden medizinische, physikalisch-technische, ökonomische und juristische Fachkenntnisse vermittelt. Jenny Kloska hat den Lehrgang als Mitarbeiterin des Hauses der Technik mitentwickelt und auch absolviert. Heute ist sie Studiengangskoordinatorin. Mit ihr sprach Ursula Katthöfer ( www.textwiese.com ).

Redaktion: Frau Kloska, für wen ist der Bachelorstudiengang Medizinische Radiotechnologie geeignet?

Kloska: Der Lehrgang richtet sich vorwiegend an MTRA und MFA, aber auch an Studierende ohne einschlägige Erfahrung mit allgemeiner Hochschulreife. Sie haben mit dem Studiengang die Chance zu Karriereschritten in Kliniken und Praxen, aber auch in Industrie, Forschung, Strahlenschutzbehörden und Lehre.

Redaktion: Der erste Studiengang von 2014 ist abgeschlossen. Dürfen Sie verraten, wo die Absolventen nun tätig sind?

Kloska: Etwa die Hälfte ist an ihrem bisherigen Arbeitsplatz geblieben, meist in einer Klinik oder einer Praxis. Von den übrigen gibt es Wechsel als Lehrkraft an eine MTA-Schule oder in die Industrie. Hersteller von Röntgen- oder Ultraschallgeräten suchen ebenfalls dringend Fachkräfte. Einige Absolventen haben sich für weiterführende Masterstudiengänge eingeschrieben oder planen das.

Redaktion: Was waren typische Themen für die Bachelorarbeit?

Kloska: Nahezu alle wählten ein Fachthema aus ihrem unmittelbaren Tätigkeitsfeld, also z. B. zu CT oder MRT. Weitere Themen kamen aus der radiologischen Diagnostik, dem Prozessmanagement oder dem Strahlenschutz.

Redaktion: Wo liegen bei MTRA und Bachelor of Science Unterschiede beim Umgang mit Patienten?

Kloska: Unmittelbar am Patienten gibt es nach dem Studium keine nennenswerten Änderungen. Doch können unsere Absolventen z. B. die Parameter für die Untersuchungen der Patienten besser optimieren, da sie viel mehr Hintergrundwissen haben. Das merken auch die Radiologen. Wir hören, dass unsere Absolventen von ihren Chefs anders wahrgenommen werden als früher. Heute kommunizieren sie eher auf Augenhöhe.

Redaktion: Welche Rolle spielt die Digitalisierung? Haben B.Sc.s bessere IT-Kenntnisse als MTRAs?

Kloska: Das ergibt sich aus ihren Ausbildungswegen. Die MTRA-Ausbildung und ihre Inhalte basieren auf dem MTRA-Gesetz von 1993. Seitdem hat sich technisch in der Radiologie unglaublich viel getan – von der Dunkelkammer bis zur computerbasierten Diagnostik. Deshalb leisten die MTRA-Fachschulen den schwierigen Spagat, einerseits das Gesetz zu erfüllen und andererseits aktuelle digitale Inhalte zu vermitteln. Ihre Mittel sind häufig begrenzt. Im Studiengang vermitteln wir hingegen in zwei großen Modulen alles zu Datenbanken, Netzwerken, Bildnachbearbeitung und dem Röntgenarchiv PACS.

Redaktion: Der Studiengang hat auch rechtliche Inhalte. Worum geht es da?

Kloska: Schwerpunkt ist das Strahlenschutzrecht. Hinzu kommen Arbeitsrecht und Arbeitsschutz. Denn an einem Kernspintomographen sind z. B. viele Sicherheitsvorschriften zu beachten. Ferner geht es um Personalführung und Hygienevorschriften, die im Qualitätsmanagement verankert werden müssen. Vorschriften ändern sich laufend. Unsere Absolventen können diejenigen sein, die in einer Praxis am Ball bleiben.

Redaktion: Sie sind Studiengangskoordinatorin. Wenden sich auch Radiologen an Sie, die nach Weiterbildungsmöglichkeiten für Ihre MTRAs suchen?

Kloska: Vielen radiologischen Praxen fehlt es an Personal. Sie können gute Mitarbeiter an sich binden, wenn sie ihnen ein Bachelor-Studium ermöglichen. Interessant ist der Studiengang auch für MFAs, die in einer radiologischen Praxis nicht selbstständig agieren können. In unserem Studiengang erhalten sie zusätzlich zum Abschluss Röntgenfachkunde. Das macht ihr Studium für Arbeitgeber attraktiv. Das zunehmende Interesse spüren wir an der Finanzierung des Studiums. Im ersten Jahrgang finanzierten die Studierenden es noch überwiegend selbst. Manche hatten ein Stipendium für Berufstätige. Inzwischen steigt die Zahl der Ärzte, die die Kosten ganz oder teilweise übernehmen.

Redaktion: Sind die Arbeitgeber auch bereit, den Absolventen bessere Gehälter zu zahlen?

Kloska: Das ist Verhandlungssache. Doch für jemanden, der nach dem Studium neue Aufgaben übernimmt, sieht der Tarif bereits ein höheres Gehalt vor. Absolventen, die in die Industrie gehen, bekommen meist auch mehr Geld.

Redaktion: Der Beruf der MTRA war immer eine Frauendomäne. Ist das im Studium ebenfalls so?

Kloska: Im ersten Jahrgang machten die männlichen Teilnehmer ein Drittel aus. In den Nachfolgejahrgängen sind es etwas weniger. Doch gerade die technischen Neuerungen in unserem Beruf interessieren auch junge Männer. Ihre Zahl steigt.

Redaktion: In anderen europäischen Staaten gibt es das Studium der Radiologietechnologie schon lange. Welche Möglichkeiten bietet Europa für die Absolventen?

Kloska: Wer ein Masterstudium anschließen möchte, kann dies sowohl in Deutschland als auch in anderen EU-Ländern tun. Hochschulen in Österreich sind wegen der deutschen Sprache beliebt. Doch auch Spanien oder England bieten sich an. Auf dem europäischen Arbeitsmarkt bieten sich viele Chancen.

Redaktion: Wird das HdT den Masterstudiengang ebenfalls anbieten?

Kloska: Das ist derzeit nicht geplant, jedoch auch nicht ausgeschlossen.

Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch!