EU-Verordnung zur PSA erfordert Umdenken bei Design und Ergonomie von Röntgenschürzen

von Dr.-Ing. Heinrich Eder, München

Seit dem 21.04.2018 ist die Verordnung EU 2016/425 in Kraft. Sie regelt die grundlegenden Gesundheitsschutz- und Sicherheitsanforderungen an persönliche Schutzausrüstungen (PSA). Im Anhang II dieser Verordnung ist ausgeführt: „Unbeschadet ihrer Festigkeit und Wirksamkeit müssen PSA so leicht wie möglich sein“ sowie „... müssen PSA so gut wie möglich an die Gestalt des Nutzers angepasst werden können“. Diese Vorgaben geben Anlass, Design, Ergonomie und Effizienz von Schutzschürzen zu überdenken.

Orthopädische Belastungen

Jeder, der täglich stundenlang eine Schutzschürze trägt, kennt die Beschwerden, die durch die Dampfdichtheit der Materialien („Saunagefühl“) und die Belastung von Gelenken und Wirbelsäule infolge des hohen Gewichts entstehen. In der Literatur finden sich Hinweise auf orthopädische Schäden, die durch langjähriges Tragen von schwerer Schutzkleidung verursacht wurden: In einer in den USA durchgeführten Untersuchung berichten 42 Prozent der befragten interventionell tätigen Kardiologen von orthopädischen Problemen im Wirbelsäulenbereich.

Nach der Empfehlung „Heben und Tragen ohne Schaden“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) muss ein langzeitliches Tragen von Schürzen über 5 kg Gewicht zumindest für weibliche Personen als „erhöhte Belastung“ eingestuft werden.

Um das Gewicht zu senken, enthalten viele Schürzen nur noch einen bestimmten Anteil Blei und manche überhaupt kein Blei mehr. Der Bleigleichwert einer CE-gekennzeichneten Schürze garantiert in diesen Fällen, dass diese dieselbe Schutzwirkung erzielt wie eine reine Bleischürze. Da bei bleifreien Produkten der Bleigleichwert von der Röhrenspannung abhängt, muss der zulässige Röhrenspannungsbereich auf dem Schürzenlabel bzw. im Manual angeben sein. Standardschürzen können im Bereich der Röntgendiagnostik bis 120 kV verwendet werden. Bei Sonderanwendungen, wie Aufenthalt im CT-Untersuchungsraum, sollte die Schürze jedoch bis 150 kV ausgelegt sein. DIN 6815 gibt einen Überblick, welche Schutzkleidung bei welcher Anwendung verwendet werden soll (Tabelle am Ende des Beitrags).

Die Gewichtsproblematik

Das Gewicht handelsüblicher Blei-Composite- und Bleifrei-Schürzen variiert infolge unterschiedlicher Materialien und Schnitte erheblich. Eine Schürze der Größe L liegt bei Bleigleichwerten von 0,35 und 0,50 mm größtenteils über der 5 kg-Marke. Schürzen der Größe M sind um ca. 5-10 Prozent leichter, XL-Schürzen entsprechend schwerer. Bleifreie bzw. bleireduzierte Schutzmaterialien (Blei-Composite) sind i. d. R. bei gleicher Schutzwirkung 10-15 Prozent leichter als Bleischürzen. Eine Ausnahme stellen Applikationen innerhalb von CT-Räumen dar, wo ggf. Röhrenspannungen bis 140 kV Anwendung finden. Hier sollten nur Schürzen aus Blei oder Bismut verwendet werden. Schürzen mit 0,5 mm Bleigleichwert sind aus guten Gründen (zu hohes Gewicht) für den Standardeinsatz nicht genormt. Bei orthopädischen Langzeitschäden könnten sogar Ansprüche auf den Klinikbetreiber zukommen.

Überlängen und Rückenschutz

Eine Schürzenlänge bis zum Knie ist völlig ausreichend, da sich beim Erwachsenen unterhalb des Knies kein aktives Knochenmark mehr befindet. Auch ist der Rückenschutz mit 0,25 mm Pb überdimensioniert, da max. 1–2 Prozent der Strahlung von hinten einfallen. Das am Rücken vorhandene Schutzmaterial könnte ohne wesentliche Einbußen beim Schutz durch 0,125 mm Bleigleichwert ersetzt werden. Die Gewichtsreduzierung hierdurch kann je nach Schürzentyp bis zu 0,5 kg betragen. DIN EN 61331-3 lässt auch leichte Schürzen mit 0,25 mm Bleigleichwert zu, wenn ortsfeste Schutzeinrichtungen (z. B. Tisch-Seitenschutz, Schutzscheibe usw.) vorhanden sind. Von der Mentalität „je mehr Blei desto besser“ sollte man sich verabschieden und genau hinsehen, wo das Gewicht am effektivsten platziert wird. In vielen Fällen könnten 30 Prozent Gewicht eingespart werden, und zwar ohne wesentliche Einbußen bei der Schutzwirkung.

Zusätzlicher Schutz

Die neuen Regelungen fordern, dass der Rumpf vorne zu 60 Prozent des größten Körperumfangs abgedeckt sein muss. Der Schutz der Körperflanken ist vor allem bei den häufig auftretenden lateralen Strahlungsrichtungen wichtig. Natürlich erhöht diese Vorgabe auch das Gewicht, das jedoch woanders wieder eingespart werden kann. Große Armausschnitte schränken die Schutzwirkung erheblich ein: Seitlich einfallende Streustrahlung trifft die Schultergelenke (diese enthalten viel rotes Knochenmark) und den Thorax. Die Armausschnitte wurden deshalb beim neuen Fertigungsstandard auf eine Mindestweite limitiert. Die Öffnung darf bis maximal. 10 cm unter die Achsel reichen. Oberarmansätze, die das Schultergelenk und den Armausschnitt verdecken, sind leider in der Normung nicht enthalten. Sie sollten zumindest für den Standort direkt am Patienten auf der Körperseite mit der höchsten Strahlung Mindeststandard sein.

Personalisierte Schutzkleidung sinnvoll

Schutzschürzen, die nicht passen, weil sie für den Träger zu groß sind oder an entscheidenden Stellen zu wenig überlappen, bieten nur unzureichend Schutz. Daher können Ergonomie und Gewicht nur mit persönlich zugeordneter Schutzkleidung effizient optimiert werden.

Empfohlene Schutzkleidung für das medizinische Personal (DIN 6815, Anhang A)

Untersuchung
Schutzkleidung
Mindest-Pb-Wert vorn/hinten (mm)
Schilddrüsenschutz
Schutzbrille
Schutzhandschuhe*

Gastrointestinaltrakt

schwere Schutzschürze

0,35/0,25

ja

Angiographie

schwere geschlossene Schutzschürze

0,35/0,25

ja

ja

ja**

Herzkatheter

schwere geschlossene Schutzschürze

0,35/0,25

ja

ja

ja**

Neuroradiologie

schwere bzw. schwere geschlossene Schutzschürze

0,35/0,25

ja

ja

CT-Intervention

schwere bzw. schwere geschlossene Schutzschürze***

0,35/0,25

ja

ja

Urologie

schwere bzw. schwere geschlossene Schutzschürze

0,35/0,25

ja

ja

Intraoperative Röntgenuntersuchung

leichte Schutzschürze bzw. leichte geschlossene Schutzschürze

0,25

ja**

 

* Untersuchungsabhängig.

** Als Schutzhandschuhe kommen ggf. dünne chirurgische Schutzhandschuhe mit einem Schwächungsfaktor 2 bis 3 infrage.

*** Schürzen müssen bis 150 kV zugelassen sein, wenn Spannungen über 120 kV verwendet werden.